10 Dinge, die ich in Äthiopien gelernt habe
1. Kaffee trinken. 51 Jahre lang war ich fest davon überzeugt, keinen Kaffee zu mögen. Dabei mochte ich nur den deutschen Filterkaffee nicht. Buna hingegen, dieses starke, milde, völlig unbeißende äthiopische Teufelszeug…
2. In Konsequenz daraus: mein altes Mantra, alles mindestens einmal zu probieren, überarbeiten in: allem eine zweite oder dritte Chance zu geben. Vielleicht habe ich es es nur vor Jahren nicht gemocht, jetzt aber schon. Oder ich habe nur eine bestimmte Variante von etwas nicht gemocht. Ich verändere mich, die Dinge verändern sich – mit anderen Worten: revidieren, revidieren, revidieren.
3. Das gilt auch für mein ursprüngliches Reisekonzept, nur Städte zu besuchen. Was wäre mir entgangen, wenn ich die ganze Zeit in Addis geblieben wäre! Also: Pläne über den Haufen werfen, wenn sie sich im Lauf der Zeit als ungenügend entpuppen, Gelegenheiten nutzen, nicht starrsinnig sein. Ideen sind oft nur Initialzündungen, um den Karren in Bewegung zu setzen. Wenn er aber erst mal rollt, darf man sich auch wieder von ihnen verabschieden. Um Platz für neue Ideen zu machen.
4. Nur weil ich noch nie davon gehört habe, bedeutet es nicht, dass es nicht existiert. Meine Ignoranz in Sache äthiopischer Kultur und Geschichte und meine Überraschung, all diesen Reichtum im Norden zu finden, war eines der größten Aha-Erlebnisse dieses Jahres.
5. Die feinen Unterschiede erkennen lernen. Bestes Beispiel in Äthiopien: Injera, das schwammige Fladenbrot, das Basis jeder Mahlzeit ist, Teller und Esswerkzeug zugleich. Fand ich am Anfang schrecklich. Dann nicht mehr so. Dann habe ich gemerkt, dass es gutes und nicht so gutes gibt, feines, fast flauschiges, dann wieder zu säuerliches, zu zähes. Dann habe ich mir erklären lassen, dass gutes Injera ganz regelmäßige „Augen“ hat, Poren, mit denen man die Sauce besonders gut aufnimmt. Am Ende habe ich verstanden: Selbst ein so banales Allerweltsgericht aus einem der ärmsten Länder der Welt hat seine eigene Würde.
6. Mich nicht für etwas Besonderes halten. Jeder denkt immer über sich: Das, was anderen passiert, passiert mir bestimmt nicht. Zehn Monate lang war mir nichts gestohlen worden, nicht mal in der Klau-Metropole Barcelona. Also begann ich unvorsichtig zu werden und mich für die Ausnahme von der Regel zu halten. Und prompt…
7. Nicht scheu sein. Als bekennende Norddeutsche bin ich – vorsichtig gesagt – nicht sehr ranschmeißerisch. Einfach so mitsingen und mittanzen, wenn andere das tun – schwierig. Aber machbar, wie ich seit dem letzten Abend in Lalibela weiß.
8. Freundlichkeit annehmen. Mir ist eingebimst worden, anderen nichts schuldig zu sein und ihnen nicht zur Last zu fallen. Dass Menschen gern etwas für mich tun, dass es ihnen eine Freude ist, musste ich im Lauf des Jahres erst mühsam lernen. In Addis haben mir die Beckers einen Fortgeschrittenenkurs verpasst.
9. Hardcore-Anekdote in Sachen Annehmen am Rande: Auf der Fahrt durch den Norden haben wir mittags Rast gemacht, uns wie immer vor dem Essen die Hände gewaschen (Injera!). Fließend Wasser gab es nicht, so hat Dereje uns Frauen mit einem Schöpfgefäß die Hände gewaschen. Nach dem Essen ging ich auf die Toilette, hatte das mit dem fehlenden fließenden Wasser längst vergessen und merkte, als es zu spät war: Verdammt, die Spülung funktioniert nicht. Verdammtverdammtverdammt. Doch als ich die Klotür aufmachte, stand dort eine strahlend lächelnde alte Frau mit einem Eimer Wasser bereit, den sie sich auch nicht aus der Hand nehmen lassen wollte. Sie ging an mir vorbei und goss ihn mit Schwung in die Schüssel. Dankbarkeit hat ja viele Gesichter, meines war an diesem Tag schamrot.
10. Ich will einen Hund und ein Hund will mich. Die Erkenntnis habe ich Finn, dem irrsinnig charmanten äthiopischen Straßenköter der Beckers, zu verdanken. Mal sehen, ob das Konsequenzen hat.
November 30th, 2011 at 18:29
schön wie du das alles sagst … ich mag deine art zu schreiben, zu erzählen…als wäre ich dabei gewesen
November 30th, 2011 at 18:30
Und das Schöne ist, dass ich als Ihre Mitreisende auch was gelernt habe. Wie wenig ich doch weiß von Afrika, in diesem Fall Äthiopien aber eben vermutlich auch alle anderen afrikanischen Länder. Welche Schönheiten es dort gibt, sowohl bezogen auf die Landschaft, die Kultur und die Menschen. Ich hätte nach ihren ersten beiden Posts aus Addis nicht gedacht, dass Äthiopien so beeindruckend sein wird.
Danke für das Miterleben dürfen!
Liebe Grüße aus Köln nach Havanna
November 30th, 2011 at 18:48
Es ist einfach toll, wie Sie die Welt erleben und reflektieren. schon als ich Sie bei WWM “kennen lernte” war ich ganz angetan und bin jetzt berührt von Ihren Posts.
Und erschüttert: revidieren, revidieren, vom Karren abspringen, das habe ich ja nicht gelernt. Wenn man sich einmal eine Meinung gebildet hat, bleibt man dabei. Man ist konsequent. Alles andere ist wankelmütig und überhaupt.
Hochinteressant, was da abgeht in meinem Kopf und auch in den Gefühlen…
Danke dafür
Und für den Satz, dass alles seine eigene Würde hat.
Herzliche Grüße aus Wilhelmshaven
November 30th, 2011 at 19:33
Punkt 4 war für mich als Mitleserin auch eine wirkliche Bereicherung. Der Monat hat mir ein Land, dass ich kaum beachtet/gekannt habe, näher gebracht. Was vor allem an ihren wunderbar teilhabenden Berichten liegt! Wobei man, wenn man nicht wirklich etwas selbst erlebt und gesehen hat, sich vorher eigentlich nur schwerlich Urteil bilden sollte. Dass war für mich selbst die letzten Monate beim Lesen des Blogs eine Erkenntnis.
Liebe Grüße nach Kuba
Susa
November 30th, 2011 at 19:42
hihi (kicher). schön zu lesen. so viele weisheiten diesmal. Hab die eine von dir auch in mein spärliches reportior (oder wie das heisst) aufgenommen: die größten abenteuer erlebt man wenn man “ja” sagt.
(spärlich weil mir zu meinen lebensweisheiten immer nur eine spontan einfällt, hier zum besten gegeben: leben ist wenn was dazwischen kommt) (spontan fällt mir zu dem männerproblem nur ein, dass du dir doch nen schöngeistigen männlichen schatten kaufst, ausgebildeten bodyguard, der weiss wie er anwesend ist ohne dich einzuengen… Ach oder jetzt schon nen hund ;o)
November 30th, 2011 at 20:05
Hallo Meike,
danke für das “revidieren, revidieren, revidieren”
@ nicolino: Der Schatten ist eine gute Idee, darf bestimmt auch gerne “schön + schöngeistig” sein – das Auge will ja auch angeregt sein *grins*
Grüße an alle im blauen Bus
Sophie
November 30th, 2011 at 20:07
@nicolino Die Idee mit dem Bodyguard finde ich super
Aber evt. hilft auch ein Ring der wie ein Ehering aussieht, den kann man dann dem Gigolo zeigen mit dem Hinweis “Ich bin glücklich verheiratet und mein Ehemann kommt bald nach”. Das habe ich auch schon gemacht. Aber schon schade dass FRAU zu solchen Tricks greifen muss.
Die 10 gelernten Dinge kann ich alle sehr gut nachvollziehen und obwohl ich nicht aus Norddeutschland komme, sondern aus Franken, fällt es mir auch schwer spontan locker zu sein.
Also ich bin auch nicht ranschmeißerisch, aber das Wort gefällt mir
November 30th, 2011 at 20:23
… oh wie wahr. Es tut so gut und macht so Mut, den Blog zu lesen. Danke!
November 30th, 2011 at 21:23
Revidieren, revidieren, revidieren: Also ich finde, der deutsche Filterkaffee hat auch eine zweite Chance verdient!
November 30th, 2011 at 22:31
zu 10.
Ich bin im zarten Alter von 52 auf den Hund gekommen.
Spanischer Straßenköter
und jetzt
geliebter Familienhund.
(Das Leben wird dadurch reicher und ein bisschen unflexibler und komplizierter.)
♥ Franka
November 30th, 2011 at 22:35
vielleicht hilft dieser Tipp aus einem Lonely Planet forum:
One other technique for a very obviously foreign female is to say “don’t bother with me, dude – I already HAVE a Cuban husband”. Works wonders at least 85% of the time.
Viel Erfolg dabei.
Dezember 1st, 2011 at 07:38
@Jogi: Der Hund gehört ja schon jemandem. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.
Dezember 1st, 2011 at 07:40
An alle die gerade, besonders zu Weihnachen, daran denken sich ein süßen Hund zuzulegen:
Bittebitte NUR einen Hund anschaffen, wenn ein superzurverlässiger Hundesitter zur Verfügung steht. Wohne 3 km von einem klitzekleinen Autobahnparkplatz an der A 95 in Richtung Süden entfernt und in den Sommermonaten kommen viel zu oft ausgesetzte Hunde durch den Wald in unser Dorf und haben entsetzlichen Hunger. Die armen Kreaturen sind so verstört und leiden entsetzlich.
Ich weiß, dass niemand hier jemals ein Tier aussetzen würde aber es zeigt, wie anspruchsvoll ein Hund ist,
besonders wenn man mal eben auf Reisen gehen muss oder möchte.
Dezember 1st, 2011 at 08:55
wow, das ging jetzt wirklich zu herzen. dankeschön für diese schönen 10 dinge.
Dezember 1st, 2011 at 10:50
Seufz. Ich werd Sie vermissen, Meike, wenn Sie auf dem Schiff und dann wieder zuhause sind. Seufz.
Dezember 2nd, 2011 at 07:35
Schön, dass Du so viel mitnehmen kannst. Und gut, dass das ohne Mehrgewicht in den Koffer passt…
Thema Geschmack: Oh ja. Ich kenne viele Erwachsene, die bestimmte “Hassgemüse” haben und sie seit Kindertagen widerwärtig finden. Und dann erst beim Nachfragen, was sie da gerade Leckeres gegessen haben, feststellen, dass ihre Aversion längst nur noch im Kopf und nicht mehr im Gaumen Bestand hatte. (“DAS war Rosenkohl?! Aber ich hasse Rosenkohl!”)
Thema Tier: Ich bin seit jeher Hundemensch und mit Katzen eher wenig befasst, habe abervor einigen Jahren gelernt: Ob du (auch) Katzenmensch bist oder nicht, entscheidest nicht du, sondern die Katze.
Ein Kater in einer WG hat jedenfalls hat mich als Katzenmenschen erkannt bzw. dazu ernannt und war bei mir höchst verschmust und anhänglich, sonst bei anderen eher zurückhaltend und stolz. Dem Kater war es anscheinend selbst peinlich, vor anderen hat er seine Zuneigung monatelang nicht zugegeben, bis er mal auf frischer Schmusetat ertappt wurde.
Ich vermisse seit dem Tod meiner Hündin vor einigen Jahren zwar das Begleitetwerden und gemeinsamen Alltag und hätte gern wieder einen Hund um mich herum, aber für mich passen Großstadt und Hund einfach nicht zueinander. Daher verzichte ich, dreh mich gelegentlich auf der Straße mit leiser Sehnsucht nach schönen/interessanten Hunden um (“Herrin-ohne-Hund-Syndrom”) und werde irgendwann wieder irgendwo mit Garten (und Hund) leben. Kommt Zeit, kommt Hund.
(Allerdings ist die jahrelange Verpflichtung und Verantwortung nicht zu unterschätzen, besonders, wenn man gern in ferne Länder reist. Es gibt reisefreudige Hunde, aber nicht alle Ziele sind wirklich gut geeignet, um den Hund mitzunehmen, allein der An- und Einreisemodalitäten wegen.)
Dezember 5th, 2011 at 15:03
Ich glaube, diese 10 Dinge haben mir von allen bisher am Besten gefallen. Highlight: Freundlichkeit in Form von beispielsweise Klospuelwasser annehmen. Ist fuer beide Seiten wichtig, andere auch mal was fuer einen tun zu lassen.